LESEPROBE 3

17. Kapitel

Pater Ralf

Inzwischen regnete es in Strömen. 


Kim versuchte zwischen den Wischbewegungen der Scheibenwischer 

einen Parkplatz in der Nähe der alten Kirche zu finden. 


Nach einigem Fluchen fand er eine kleine Lücke zwischen zwei geparkten 

Autos, direkt vor dem Friedhof der kleinen Kirche.


Diese wirkte bei näherer Betrachtung bei diesem Wetter durch ihren

verschnörkelten Baustil und die von der Witterung schon fast schwarz

gewordenen Steine wie aus einem Gruselfilm. 


Kim rannte den Weg hinunter zum Eingang der Kirche. 


Er hoffte, dass er Pater Ralf dort antraf. 


Kim war eigentlich kein großer Kirchgänger.


 Eigentlich nicht mal ein kleiner. 


Dies lag daran, dass er die Leute verabscheute, die einmal jährlich zu Weihnachten in großen Kolonnen in die Kirchen liefen, um die Wartezeit

zur Bescherung zu verkürzen, damit sie sich ohne schlechtes Gewissen 

dann als gute Christen bezeichnen konnten. 


Dann sollten sie es lieber gleich bleiben lassen. 


Wenn Kim ehrlich war, dann bezeichnete er die katholische und die 

evangelische Kirche ohnehin nur als groß gewordene Sekten. 

Was nicht unbedingt nur negativ bewertet werden sollte, sondern 

insofern für ihn zutraf, dass sie im Gegensatz zu den `Zeugen Jehovas` 

eben mehr Mitglieder besaßen, aber grundsätzlich auf der selben

Welle reiten.


 Er war vor einiger Zeit aus der Kirche ausgetreten, da er die Ansicht 

vertrat, dass er für den Glauben an einen Gott keine Kirchenvertreter 

braucht, die ihm nach der Zahlung der Kirchensteuer die Beichte 

abnahmen. Er wollte nicht mehr zu denen gehören, die eine Institution 

brauchen, um ihren Glauben zu behalten. 


Allerdings mochte Kim die alten Kirchenbauten und nutzte sie deshalb

gerne zu Besichtigungszwecken. 


Pater Ralf war ein sehr umgänglicher Mensch mit viel Tiefgang, 

der Kims Einstellung akzeptierte, auch wenn er sie für sich nicht teilte. 


Als die wuchtige Eichentür hinter Kim in Schloss fiel, blieb er für einen 

Moment stehen, um die Atmosphäre in sich aufzunehmen und den Geruch der alten Holzbänke. 


Dann lief er durch den Mittelgang Richtung Altar. 


Die Kirche war leer. 


Na ja, es war ja auch nicht Weihnachten... 


Hinter dem Altar war ein großes Holzkreuz, an dem der gekreuzigte 

Christus hing. Kim stellte sich für einen Moment vor diese wuchtig 

nachgebaute Szenerie. Als er hinter sich Schritte hörte, sagte er, ohne 

sich umzudrehen: 


„Ich habe gehört, Christus ist eventuell gar nicht am Kreuz gestorben!“ 


Die Schritte blieben neben ihm stehen. 


Dann hallte eine tiefe, ältere Stimme durch die Räumlichkeiten: 

„Immer noch der Alte, was? Hallo Kim!“ 


Kim drehte sich um und stand vor einem etwa sechzigjährigen, etwas 

untersetzten Mann mit freundlichen Augen und einer hohen Stirn. 

„Hallo Pater Ralf. Nicht viel los zwischen Neujahr und 

Weihnachten, was?“ 


Pater Ralfs Gesicht verzog sich zu einem schmalen Grinsen: 

„Bist du etwa gekommen, um mir das wie-der mal vorzuhalten?“ 

„Ja, als Busfahrer wärst du glatt arbeitslos mit diesem Kundenkreis“, 

grinste Kim zurück. Dann drehte er sich Richtung Holzkreuz. 

In diesem Moment fielen ihm spontan seine Überlegungen über 

Zeitreisen ein, und er fragte sich, ob es jemals möglich wäre für die Menschheit, in die Zeit Jesu zurückzukehren. 


Pater Ralf riss ihn aus seinen Gedanken: 

„Du bist doch bestimmt noch aus einem anderen Grund hier, als dich

nur wiedermal über die Kirche zu beschweren?“ 


Kim schaute ihn nun etwas ernster an: 

„Ja. Du hast Recht! Ich brauche deine Hilfe!“ 


„Oh! Ein Ungläubiger sucht meinen Rat! 

Das ist ja fast schon ein Sechser im Lotto! 

Du weißt, du kannst jederzeit wieder in die Kirche ein ...“ 


„Spar dir das...!“ 

unterbrach Kim sein Gefrotzel. 


„Außerdem bin ich nicht aus der Kirche ausgetreten, um meinen 

Glauben abzulegen, sondern um ihn auszuleben. 


Aber nun zu dem Punkt, warum ich hier bin: 

Was weißt du über die Verbindung der Freimaurerei zum Satanismus?“ 


Pater Ralf stieß die Luft aus und kratzte sich an seinen leicht 

ergrauten Schläfen. 


„Kannst du nicht mal mit etwas Vernünftigem zu mir kommen?“ 


Nach einer kurzen Pause sagte er: 

„Lass uns hinüber in meine Bibliothek gehen, mir bekommt das lange 

Stehen nicht.“


Kim folgte dem Geistlichen durch die Räumlichkeiten der angebauten 

Pfarrei. Währenddessen begann Pater Ralf zu erzählen. 


 ...


„Aus katholischer Sicht wird das Verhältnis der Freimaurerei als 

`Synagoge Satans` bezeichnet“, meinte er schließlich. „Freilich wird heute 

von der römischen Kurie offiziell nicht mehr von der Freimaurerei als 

Synagoge des Satans gesprochen, jedoch noch immer von einzelnen 

katholischen Theologen, besonders aus den Reihen der Traditionellen; 

Willst du etwas trinken?“ 


Kim stützte sein Gesicht auf seine Hände: 


„Was gibt’s denn, Weihwasser?“ 


„Nein. Orangensaft.“ 


„Gut“.


Während das orangene Getränk in zwei simple, leere Senfgläser 

geschüttet wurde, fuhr der Pater mit seiner Erzählung fort...


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